18.04.2018  | Netzcode: 5574593

Identitätsstiftung zwischen Knödel und Klopsen

"Kann Spuren von Heimat enthalten": Sonderausstellung im Egerland-Museum

MARKTREDWITZ. In "Kann Spuren von Heimat enthalten" dreht sich alles um Knödel und Nocken, Königsberger Klopse oder Karlsbader Oblaten. Die Sonderschau setzt sich mit dem Essen und Trinken, mit der Identität und der Integration der Deutschen des östlichen Europas auseinander. Die Ausstellung wurde vom Haus des Deutschen Ostens in München konzipiert. Sie ist im Egerland-Museum vom 14. Juni bis 26. August in neuem "Outfit" und mit erweiterten Inszenierungen zu sehen.

Das Ausstellungsthema macht zunächst stutzig, wird man doch ständig auf Speisekarten und in Produktinformationen auf Zusatzstoffe, natürliche und natur-identische Geschmacksstoffe, Konservierungsmittel und sonstige Spuren hingewiesen. Oder schlimmer noch: "Kann Spuren von Umweltgiften oder genveränderten Eigenschaften enthalten." Nicht so bei dieser Ausstellung.

Sie gibt einen Einblick in Hungerjahre und Überfluss, Familienrezepte oder mitgebrachte Küchengeräte, die das Leben der Heimatvertriebenen, Flüchtlinge, Aussiedler und Spätaussiedler, darunter zahlreiche Egerländer, prägten. Sozusagen als ideelles Gepäck, was man heute gerne als immaterielles Kulturgut bezeichnet, brachten sie nach 1945 nicht nur ihre Küchentraditionen und heimischen Rezepte, sondern auch ihr unternehmerisches Know-how mit.

Wie viel von dieser kulinarischen Vielfalt, aber auch von Produkten und Firmen, hat nach Flucht und Vertreibung den Weg ins Deutschland der Nachkriegszeit gefunden? Was wird heute bei uns gekauft, gegessen, genutzt, ohne dass über Herkunft oder ursprüngliche Produktionsstätten nachgedacht wird? Wie viel hat das jeweilige kulinarische Erbe zum Erhalt der Identität der Deutschen aus dem Baltikum, aus Ostpreußen, Pommern, Russland, Schlesien, Böhmen, Mähren, der Slowakei, Ungarn, Jugoslawien oder Rumänien beigetragen? Wie konnten mitgebrachte Küchentraditionen und neu gegründete Lebensmittelindustrien die Integration in die westdeutsche Gesellschaft erleichtern? Die Sonderausstellung "Kann Spuren von Heimat enthalten" geht diesen Fragen nach. Sie befasst sich mit dem breiten Thema Essen und Trinken, Alltag, Identität und Integration. Es geht um die Lebenswirklichkeit der Flüchtlinge nach 1945 sowie der Aussiedler in späteren Jahren. Die Ausstellung wirft einen Blick auf die Hungerjahre in der Nachkriegszeit wie auch auf die Überflussgesellschaft, auf welche die Spätaussiedler anfangs trafen. Viele heute noch bekannte Firmengründungen der Nahrungs- und Genussmittelherstellung gehen darauf zurück. Damit haben diese Unternehmen wesentlichen Anteil am wirtschaftlichen Aufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus.

Eine Sequenz unter dem Motto "Eigener Herd ist Goldes wert" zeigt eine Küche aus den 1950er Jahren. Begehbare Supermarktabschnitte mit Produktregalen könnten mittels fotorealistischer Gestaltungen und "echten" Supermarktregalen sowie akustischer "Werbe-Berieselungen" die Besucher an die speziellen Lebensmittel in den Auslagen heranführen.

Auch in unserer Region finden sich Betriebe mit heimatvertriebenen Wurzeln. Wer hätte gedacht, dass die Bäckerei Brunner, einer der größten Bäckereibetriebe in Nordostbayern, aus dem Egerland stammt? Und wer kennt nicht das Bauernbrot des Bäckermeisters Siegfried Stähli aus Neualbenreuth, ein Betrieb, der seinen Ursprung in Falkenau hatte? Aber auch das Durchgangslager in Wiesau war Ausgangspunkt zahlreicher Geschäftsgründungen. Historische Aufnahmen erinnern an das von Jakob Gessert geführte Lebensmittelgeschäft "Volkshilfe" in Wiesau. Am Ende des Rundgangs findet der Besucher in der Abteilung "Osteuropäische Kochbücher und Rezepte" Ideen und Anregungen für eigene Versuche am Küchenherd.

Begleitveranstaltungen widmen sich zum einen den Nahrungsgewohnheiten vergangener Tage und zum anderen den Krisenzeiten, in denen der Mangel an Nahrungsmitteln die Menschen zu außergewöhnlichen Notrezepten bewegte. Dabei soll unter anderem die energiesparende Kochkiste zum Einsatz kommen. Außerdem werden zusätzlich Kochkurse angeboten in denen nach Originalrezepten aus der alten Heimat gekocht und gebacken wird. (exb)


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